Vom Ohr zum Herzen
Dass sehr laute Ger?usche das Geh?r sch?digen k?nnen, ist allgemein bekannt. Weniger gel?ufig ist, dass L?rm auch weit unterhalb der geh?rsch?digenden Schwelle wirkt, und zwar ?ber einen ganz anderen Mechanismus. Der K?rper reagiert auf L?rm mit einer Stressreaktion: Das Herz schl?gt schneller, der Blutdruck steigt, es werden vermehrt Stresshormone ausgesch?ttet, und die Muskeln spannen sich an. Diese Reaktion l?uft weitgehend unbewusst ab und funktioniert auch im Schlaf, gesteuert ?ber das autonome Nervensystem.
Der K?rper im Daueralarm
Wer ?ber Jahre an einer lauten Stra?e wohnt, dessen K?rper befindet sich immer wieder in diesem Alarmzustand, ohne dass die betroffene Person es bewusst wahrnimmt. Auf Dauer hinterl?sst das Spuren. Das Umweltbundesamt hat die Ergebnisse zahlreicher epidemiologischer Studien in einer Metaanalyse zusammengefasst und sieht den Zusammenhang zwischen L?rm und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einschlie?lich Herzinfarkt als belegt an. Besonders heikel ist die n?chtliche Belastung, denn der Schlaf ist die Phase, in der sich das Herz-Kreislauf-System eigentlich erholen soll. Wird diese Erholung regelm??ig gest?rt, summieren sich die Folgen ?ber die Jahre.
Was die Zahlen sagen
Die Zahlen dahinter lassen aufhorchen. Nach den Berechnungen des Umweltbundesamtes ist zu bef?rchten, dass rund drei Prozent aller Herzinfarktf?lle in Deutschland durch Stra?enverkehrsl?rm mitverursacht werden. Eine der WHO-Leitlinien zugrunde liegende Metaanalyse fand einen Anstieg des relativen Risikos f?r die isch?mische Herzkrankheit um etwa acht Prozent pro zehn Dezibel zunehmender Dauerschallbelastung. Hinzu kommen Schlafst?rungen, die ihrerseits das Herz-Kreislauf-Risiko erh?hen, sowie Hinweise auf ein vermehrtes Auftreten von Depressionen. Verglichen mit klassischen Risikofaktoren wie Rauchen oder Bewegungsmangel fallen die Effekte pro Person zwar geringer aus. Da aber weite Teile der Bev?lkerung dauerhaft betroffen sind, ergibt sich in der Summe eine erhebliche gesellschaftliche Krankheitslast.
Die gesundheitlichen Folgen von L?rm reichen dabei ?ber das Herz-Kreislauf-System hinaus. Die Forschung nennt mehrere Wirkungsbereiche, die sich mit unterschiedlicher Sicherheit belegen lassen:
– Herz-Kreislauf-Erkrankungen einschlie?lich Bluthochdruck und Herzinfarkt
– Schlafst?rungen mit ver?nderter Schlafstruktur und verringerter Erholung
– Beeintr?chtigung von Konzentration und Leistungsf?higkeit
– psychische Folgen wie ein erh?htes Auftreten von Depressionen
– anhaltende Bel?stigung und Minderung des allgemeinen Wohlbefindens
Was die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt
Das Regionalb?ro der Weltgesundheitsorganisation f?r Europa hat 2018 ?berarbeitete Leitlinien f?r Umgebungsl?rm ver?ffentlicht. Sie benennen f?r die einzelnen L?rmquellen konkrete Schwellen, oberhalb derer sch?dliche gesundheitliche Auswirkungen zu erwarten sind. F?r Stra?enverkehr empfiehlt die WHO, den ?ber den ganzen Tag gemittelten Dauerschallpegel unter 53 Dezibel zu halten, nachts unter 45 Dezibel. F?r Schienenverkehr liegen die Werte bei 54 beziehungsweise 44 Dezibel, f?r Flugl?rm bei 45 und 40 Dezibel. Diese Empfehlungen stuft die Organisation als stark ein, was in ihrer Systematik dem h?chsten Grad der Evidenz entspricht.
Ein deutlicher Abstand zur Realit?t
Der Abstand zur gelebten Realit?t ist erheblich. Die deutschen Immissionsgrenzwerte der Verkehrsl?rmschutzverordnung, die beim Neubau oder der wesentlichen ?nderung von Stra?en gelten, sind nach Gebietstyp gestaffelt. In reinen und allgemeinen Wohngebieten liegen sie bei 59 Dezibel am Tag und 49 Dezibel in der Nacht, in Kern-, Dorf- und Mischgebieten bei 64 beziehungsweise 54 Dezibel. Damit liegen selbst die strengeren Werte f?r Wohngebiete noch ?ber den WHO-Empfehlungen, und f?r gemischt genutzte Lagen f?llt der Abstand noch gr??er aus. Im bestehenden Stra?ennetz sind die Schwellen f?r eine sogenannte L?rmsanierung zudem h?her angesetzt und nicht durchg?ngig rechtlich bindend. In der Folge lebt ein erheblicher Teil der Bev?lkerung oberhalb der Werte, ab denen die WHO gesundheitliche Folgen f?r wahrscheinlich h?lt.
Ein Blick ?ber die Grenze
Der Vergleich mit der Schweiz lohnt sich, denn dort ist das L?rmschutzrecht anders aufgebaut. Das ist auch f?r einen im schweizerischen Widnau ans?ssigen Betrieb wie die Wellness Sanofit GmbH von praktischer Bedeutung, da Kundinnen und Kunden beiderseits der Grenze mit unterschiedlichen Regelwerken konfrontiert sind. Die L?rmschutz-Verordnung, die sich auf das Umweltschutzgesetz st?tzt, arbeitet mit einem abgestuften System aus Planungswerten, Immissionsgrenzwerten und Alarmwerten. Die Planungswerte gelten f?r neue Anlagen und sind am strengsten. Die Immissionsgrenzwerte markieren die Schwelle, ab der L?rm die Bev?lkerung im Wohlbefinden erheblich st?rt, und die Alarmwerte dienen als Kriterium f?r die Dringlichkeit von Sanierungen und den Einbau von Schallschutzfenstern.
Empfindlichkeitsstufen und Summenbetrachtung
Eine Besonderheit des Schweizer Systems sind die Empfindlichkeitsstufen. Je nach Nutzung eines Gebiets gelten unterschiedliche Grenzwerte, wobei reine Wohngebiete strenger gesch?tzt sind als Zonen, in denen auch gewerbliche T?tigkeiten zul?ssig sind. Zudem gilt eine Regelung, die im deutschen Recht so nicht existiert: Die Belastungsgrenzwerte gelten auch dann als ?berschritten, wenn erst die Summe gleichartiger Immissionen aus mehreren Anlagen sie ?bersteigt. Damit tr?gt die Schweiz dem Umstand Rechnung, dass sich L?rm aus verschiedenen Quellen im Alltag addiert. Beide L?nder st?tzen sich auf dieselben wissenschaftlichen Erkenntnisse, ziehen daraus aber unterschiedliche rechtliche Konsequenzen.
Warum die eigene Wahrnehmung tr?gt
Wer lange an einer lauten Stra?e wohnt, empfindet den Verkehr subjektiv oft als weniger st?rend als ein Neuzugezogener. Die k?rperliche Stressreaktion aber bleibt bestehen, auch wenn das Bewusstsein den L?rm ausblendet. Deshalb l?sst sich die gesundheitliche Belastung nicht an der subjektiven Bel?stigung ablesen, und objektive Messungen zeichnen ein verl?sslicheres Bild als das eigene Empfinden.
Drei Dezibel, doppelter Verkehr
Hinzu kommt eine Einordnung, die viele ?berrascht: Eine Erh?hung des Schallpegels um lediglich drei Dezibel entspricht bereits einer Verdopplung der Verkehrsmenge. Die Dezibel-Skala ist logarithmisch aufgebaut, weshalb schon kleine Zahlenunterschiede erhebliche Ver?nderungen der tats?chlichen Schallenergie bedeuten. Was auf dem Papier nach einem geringf?gigen Unterschied aussieht, kann f?r den K?rper eine deutliche Mehrbelastung sein. Diese Eigenheit der Messgr??e macht es Laien schwer, L?rmangaben richtig einzuordnen, und unterstreicht den Wert einer fachlichen Bewertung.
Was sich tun l?sst
Wirksamer L?rmschutz setzt an mehreren Stellen an. Auf gesellschaftlicher Ebene wirken leisere Fahrbahnbel?ge, Tempolimits und L?rmschutzw?nde, ebenso eine vorausschauende Bauleitplanung, die empfindliche Nutzungen von den lautesten Zonen fernh?lt. Im eigenen Wohnumfeld helfen Schallschutzfenster und eine durchdachte Anordnung der R?ume, bei der etwa das Schlafzimmer auf die ruhige Geb?udeseite gelegt wird.
Zuerst die Belastung kennen
Der erste Schritt ist jedoch stets, die tats?chliche Belastung zu kennen, denn nur eine objektive Erfassung zeigt, wo Handlungsbedarf besteht und welche Ma?nahmen sinnvoll sind. Mit solchen Bestandsaufnahmen des Wohnumfelds befassen sich unter anderem Baubiologen. Wolfgang Skischally, Gr?nder der auf baubiologischen Strahlenschutz und gesundes Wohnen spezialisierten Wellness Sanofit GmbH in Widnau, verweist darauf, dass sich viele Belastungen im Wohnumfeld erst durch eine sachliche Messung realistisch einordnen lassen. F?r die Betroffenen wird damit aus einem diffusen St?rgef?hl eine konkrete Zahl, die eine fundierte Entscheidung erm?glicht. Nicht jeder L?rm l?sst sich vermeiden, doch wer seine tats?chliche Belastung kennt, kann ihr gezielt begegnen.
Quellen:
Weltgesundheitsorganisation, Regionalb?ro f?r Europa: ?Environmental Noise Guidelines for the European Region? (2018)
Umweltbundesamt: ?Stressreaktionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen?, www.umweltbundesamt.de
Umweltbundesamt: ?Gesundheitsrisiken durch Umgebungsl?rm?, www.umweltbundesamt.de
Umweltbundesamt: Positionspapier zu den WHO-Leitlinien f?r Umgebungsl?rm (2019)
Umweltbundesamt: Forschungsbericht ?Transportation Noise and Cardiovascular Risk?
Robert Koch-Institut / Bundesgesundheitsblatt: Wothge, Niemann,?Gesundheitliche Auswirkungen von Umgebungsl?rm? (2020)
Deutsches ?rzteblatt: ?Dauerhafte L?rmexposition: Messbare Einfl?sse auf das kardiovaskul?re System? (2024)
Deutsche Umwelthilfe: ?L?rm im Stra?enverkehr?, www.duh.de
Verkehrsl?rmschutzverordnung (16. BImSchV), ? 2, www.gesetze-im-internet.de
Bundesamt f?r Umwelt BAFU (Schweiz): ?Belastungsgrenzwerte f?r L?rm?, www.bafu.admin.ch
L?rmschutz-Verordnung (LSV) der Schweiz, SR 814.41, www.fedlex.admin.ch
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